GRÜNDE FÜR DAS DRECHSELN MIT KARBID-WERKZEUGEN
1. SIE MACHEN DAS SCHÄRFEN KOMPLETT ÜBERFLÜSSIG
Traditionelles Drechselwerkzeug muss ständig geschärft werden, was insbesondere für Drechselneulinge eine Reihe an Problemen mit sich bringt.
Immer wenn ein Werkzeug mit der Schleifmaschine in Berührung kommt, ändert sich das Profil etwas (auch bei Verwendung der fortschrittlichsten Halterungen), zudem wird das Werkzeug kürzer. Viele Werkzeuge, insbesondere Schalenröhren, benötigen einen besonderen, schwer zu erlernenden Schliff, etwa in Fingernagelform. Als Drechsler muss man teils Metallbearbeiter werden, vor allem, wenn die Meister dieses Handwerks lange Striche, Negativwinkel oder andere Modifikationen verlangen, die sowohl verwirrend als auch kompliziert sind. Ein Drechseleinsteiger muss mit traditionellem Werkzeug etwas über Anordnung, Härte, Körnung, Geschwindigkeit und Abschrecken von Metall wissen. Er oder sie muss auch eine beträchtliche Menge an Geometrie lernen, um die komplexen Profile zu meistern, die geschliffen werden müssen. Das Schärfen ist so herausfordernd, dass eine informelle Umfrage unter Drechselschülern an der Black Hills School of Woodworking ergab, dass 81 % der Neulinge es als das einzige große Hindernis für ihren Fortschritt betrachteten.
Abgesehen von der Komplexität ist Zeit ein Thema. Eine der neuen Karbid-Schneiden ist laut einigen Herstellern in etwa 120-mal länger scharf als eine HSS-Stahlschneidkante. Wenn ein Ausflug an die Schärfmaschine zehn Minuten dauert, sind das über das Leben eines einzigen Hartmetall-Einsatzes etwa zwanzig Stunden, in denen Sie drechseln könnten, anstatt zu schärfen! Es ist also leicht zu erkennen, was für ein Vorteil es ist, nicht schärfen zu müssen!
2. BEMERKENSWERT LEICHTE ERLERNBARKEIT
Bei einem gewöhnlichen Kurs zum Schalendrechseln nutzt der Kursleiter traditionelle Schalenröhren mit Kehlung, in der Regel 9,5 mm und 13 mm, die er vor dem Kurs mit langen Schleifstrichen im Fingernagelanschliff schärft. Dann erklärt er einen Gutteil des Vormittags, wie man sein Werkzeug schärft, und zeigt den Schülern am Nachmittag, wie man die Röhren für Innen- und Außenschnitte hält, wie man schneidet, schabt und mit Längs- und Stirnholz arbeitet. Dabei müssen die Schüler den Anstellwinkel, das Heben und Senken der Schneide und die verschiedenen Teile des Schliffs nachzudenken – ein mühsames Unterfangen!
In Kursen, in denen Werkzeuge mit Karbid-Schneiden verwendet werden, stellen die meisten Schüler ihre erste Schale schon wenige Stunden, nachdem sie zum ersten Mal eine Drechselmaschine eingeschaltet haben, fertig. Es gibt immer noch einige Techniken zu erlernen, aber es ist ein bisschen, als würde man einem Teenager beibringen, wie man ein Automatikauto fährt, im Gegensatz zu einem Auto mit Schaltgetriebe. Er muss immer noch die Verkehrsregeln kennen, aber er muss sich nicht so sehr darauf konzentrieren, die Kupplung langsam kommen zu lassen. Die meisten Einsteiger können so bereits nach wenigen Unterrichtseinheiten komplexe Arbeiten anfertigen.
Aufgrund ihrer Schneidkantenprofile werden viele dieser Werkzeuge einfach parallel zum Boden gehalten (es gibt besondere Ausnahmen). Karbid-Schneiden tragen das Material sowohl mit der Vorderkante als auch mit beiden Seitenkanten ab, sodass sie in das Werkstück hineingeführt und dann entlang der Werkzeugauflage geschoben werden können. In den Händen eines Anfängers schneiden sie schneller und sauberer als Meißel und Formröhren (für sehr erfahrene Drechsler muss das nicht gelten) und können für ein sanftes Schaben zurückgezogen werden, wodurch die Oberfläche gut geschlichtet werden kann.
3. WERKZEUGE MIT KARBID-EINSÄTZEN SIND EINFACHER, SICHERER UND ZUVERLÄSSIGER
Im Wesentlichen gibt es Karbid-Schneiden mit drei Profilen, die jeweils in mehreren Größen erhältlich sind. Die Schneidkanten sind rund, quadratisch (oder haben nur einen leichten Radius) und rautenförmig. Letztere werden als „Detailer“ bezeichnet. Die Schäfte höherwertiger Werkzeuge sind schwer, rechtwinkelig und aus Edelstahl gefertigt. Es gibt einige Aushöhleisen mit Schwanenhals, aber dennoch nur wenige Schneideprofile; allerdings sind mehr auch gar nicht notwendig. Dies vereinfacht das Drechseln gerade für Anfänger ungemein und sorgt für schnelle Ergebnisse.
Diese schweren Werkzeuge mit ihren kleinen Schneiden (und der Tatsache, dass die Schneidkante auf der Werkzeugauflage genau in der Mitte des Werkstücks liegt anstatt unter der Mittellinie) haben das Rattern und die Ermüdung des Drechslers drastisch reduziert. Werkzeuge mit Vierkant-Schaft übertragen die Vibrationen effizienter auf die Werkzeugauflage als die leichteren traditionellen Werkzeuge, die jede Unebenheit an die Hände und Arme des Anwenders abgeben. Bei korrekter Nutzung haken sie praktisch nie ein, was ein wichtiger Aspekt für Einsteiger ist, die von Natur aus (und auch zu Recht) Angst davor haben, dass die Spitze einer Drechselröhre sich im Holz verfängt.
4. KARBID-WERKZEUGE ERÖFFNEN DRECHSLERN NEUE MÖGLICHKEITEN FÜR DIE ARBEIT MIT TROCKENHOLZ
Bislang hatten Drechselneulinge, die mit luft- oder ofengetrockneten Harthölzern arbeiteten, weniger Optionen als jene, die Grünholz verwendeten. Aufgrund der Lernkurve waren fortgeschrittenere Projekte – insbesondere Hohlformen – für sie schlichtweg unerreichbar. Sie mussten sich mit einfachen flachen Schalen zufriedengeben. Karbid-Werkzeuge erlauben hingegen auch weniger erfahrenen Drechslern, komplexe Formen in Angriff zu nehmen, von denen sie mit traditionellem Werkzeug ohne hunderte Übungsstunden nicht einmal hätten träumen dürfen.
Es gibt nur zwei Arten von Drechselwerkzeugen: schneidende und schabende Werkzeuge. All die bekannten Namen dafür, etwa Schalen- und Spindelröhren, Flachmeißel oder Abstecher, fallen in diese beiden Kategorien. Trotzdem war das Drechseln immer schon ein komplexer Vorgang, weil man wissen musste, wann welches Werkzeug zum Zug kommt. Die Maserungsrichtung war von außerordentlicher Bedeutung und bestimmte, welches der vielen Werkzeuge sich eignete. Heute benötigt ein Einsteiger oder ein fortgeschrittener Drechsler nur noch einen runden, einen quadratischen und einen rautenförmigen Einsatz („Detailer“). Diese neuen Werkzeuge sind eine Mischung aus der Schneidkraft einer Spindelröhre und der Leichtigkeit eines Schabers.
Aus dem Buch:
ISBN 978-3-7020-2331-7
John English
DRECHSELN MIT KARBID-WERKZEUGEN
Techniken und Projekte für Einsteiger und Fortgeschrittene
144 Seiten, Großformat, brosch.
€ 28,00
Die Arbeit mit traditionellen Drechselmessern erfordert viel Übung, bevor vorzeigbare Werkstücke entstehen. Deshalb verwenden Drechsel-Einsteiger gerne Karbid-Werkzeuge. Der Umgang damit ist leichter und schneller zu erlernen, die Handhabung ist einfach und außerdem müssen diese schabenden Schneiden nicht nachgeschärft werden. Mit der richtigen Technik und den richtigen Werkzeugen entsteht auch ein Oberflächenfinish, das einem in herkömmlicher Weise entstandenen Werkstücke in nichts nachsteht.






© Claudia Plattner