TIERE SIND AUCH NUR MENSCHEN

Immer Ärger mit Henry

Henry wusste genau, wie der Hase lief! Was nicht verwundern durfte, war er doch selbst einer. Zwar ein Kaninchen mit Schlappohren, aber Mümmelmann bleibt Mümmelmann. Er war ein Geschenk an die jüngste Tochter Sandra des Unterhöllerbauern von ihrer Tante und Taufgödin, die selbst Karnickel züchtete. Dem Unterhöller lief schon beim Gedanken an gedünstetes Kaninchen im Wildkräutersud das Wasser im Mund zusammen, aber da machten ihm seine Tochter Sandra und seine Frau einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Was blieb dem Unterhöller also übrig, als ein Stück seines Vorgartens zu opfern und dort ein großes Freigehege für Henry – auf diesen Namen hatte ihn Sandra mittlerweile getauft – zu basteln. Rundherum vereitelte ein hoher, dichter Maschendrahtzaun ein Überwinden der Begrenzung und zwecks Ausstaffierung des Kaninchenappartements spendierte der Bauer noch eine ausgediente Hundehütte und einen ausgehöhlten Baumstumpf. Diese Mühe hätte er sich sparen können, denn Kaninchen haben eine eigene Vorstellung ihrer Behausung. Henry begann sofort zu buddeln, und weil er so schön im Zuge war, fiel auch nebenbei ein Fluchttunnel für ihn unter dem Zaun ab, denn so ein Höhlensystem ging ziemlich in die Tiefe. Das hatte der Unterhöller natürlich nicht bedacht. Und so war er basserstaunt, als er beim frühmorgendlichen Gang zum Melken Henry friedlich im Freien hocken und an einem Grasbüschel nagen sah. Drinnen im Gehege sah es nämlich schon binnen Kurzem aus wie nach einem Bombenangriff. Kein Halm wuchs mehr und der blanke Erdboden war übersät mit Eingangslöchern in den weitläufigen Hasenbau. „Na warte, Du Falott“, dachte der Unterhöller und wollte Henry einfangen. Aber Hasen sind bekanntlich Weltmeister im Hakenschlagen, sodass es sogar für einen Fuchs schwer genug ist, einen zu fangen. Der Unterhöller mochte zwar ein Fuchs im Vieh- und Holzhandel sein, körperlich war er jedenfalls keiner. Deshalb ging der Sieg an Henry und der resignierte Bauer in den Stall, um zu melken. Am Abend jedoch saß Henry wieder brav in seinem Refugium und der Unterhöller nützte die Gelegenheit, den Fluchttunnel hastig mit Steinen zu verstopfen und Erdreich drüberzuschaufeln. Allerdings bewies das nur, dass er noch einiges in punkto Kaninchenkunde zu lernen hatte.

Zwei Tage später hatte Henry einen neuen Ausgang gegraben und ließ sich das saftige Gras im Vorgarten schmecken. Da er aber jedes Mal bei Einbruch der Dämmerung wieder in seine Einzäunung zurückkehrte, ließ es der Unterhöller dabei bewenden. So hatte sich ein von allen Beteiligten akzeptierter modus vivendi eingestellt: Untertags hoppelte Henry über den Hof und die Nacht verbrachte er in seinem Kaninchenpalast. Das wäre noch länger gut gegangen, hätte Henry nicht seinen Bewegungsradius langsam erweitert und dabei den hinter dem Haus angelegten Gemüsegarten entdeckt und sich begeistert an die Festtafel gesetzt. Als nämlich die Unterhöllbäuerin für das Abendessen einen Kopfsalat abschneiden wollte, fand sie nur mehr den Strunk vor und bekam einen leichten Anfall. Dazu kam, dass Henry reges Interesse am großen Papiersack mit Gerste, den der Unterhöller vorübergehend an die Außenmauer gelehnt hatte, entwickelte, und als der Bauer den Sack schulterte, er das Gefühl hatte, dieser würde auf dem Weg in den Stall immer leichter. Sobald er sich umdrehte, bemerkte er die breite Spur an Gerstenkörnern hinter sich, die ihn mühelos aus jedem Labyrinth eines Minotaurus wieder hinausgeführt hätte. Henrys Nagezähne hatten ganze Arbeit geleistet. Es erinnerte sogar an die Geschichte von Wilhelm Busch, in der die Nichtsnutze Max und Moritz dem Müller den Mehlsack aufschlitzten, sodass der beim Tragen immer leichter wurde. Die Idee eines gedünsteten Kaninchens in Wildkräutersud erhielt dadurch neuen Aufwind.

„Ich könnte das Mistvieh erwürgen“, eröffnete mir der Unterhöller anlässlich meiner nächsten Visite, um hinzuzusetzen: „Wenn ich es nur erwischen täte!“ „Dann verschaffen Sie ihm doch ein nettes Weibchen“, schlug ich vor, „vielleicht bleibt er dann lieber zu Hause!“ „Das funktioniert ja nicht einmal bei Menschen“, murmelte der Bauer und mich beschlich das Gefühl, er sprach teilweise aus eigener Erfahrung. Nichtsdestotrotz besorgte er sich von der kaninchenzüchtigen Tante eine Häsin.

Wenige Tage später stand er in meiner Ordination mit dem arg zerzausten Neuzugang. „Die sind aufeinander los wie die Wilden. So was habe ich noch nicht erlebt!“ „Kein Wunder“, sagte ich nach kurzer Beurteilung des Hinterteils, „das ist ein Rammler. Zwei männliche Hasen im selben Territorium ergibt immer Zoff!“ „Was? Ich habe extra ein Weibchen verlangt! Fünfzig Euro habe ich dafür hingeblättert! Und Sie kosten mir jetzt auch noch die Behandlung!“ „Na, vielleicht nimmt es die Tante mit dem Gendern bei Kaninchen nicht so genau!“, scherzte ich. Nachdem ich den unterlegenen Kämpfer versorgt hatte, wurde er umgehend zurückgebracht und diesmal gegen eine tatsächliche Häsin umgetauscht.

„Schöne Ratschläge geben Sie mir“, knurrte der Bauer bei meinem nächsten Besuch, der einer kranken Kalbin galt, „jetzt habe ich zwei verdammte Hasen im Gemüsebeet!“ Offenbar hatte Henrys bessere Hälfte – Sandra hatte sie auf Henrietta getauft – ihrem Gespons die Gefolgschaft nicht verweigert. „Tja, dann hilft nur noch eins: Sie müssen den Zaun tiefer in die Erde setzen. Zwei Meter, schätze ich.“ Der Unterhöller glotzte mich an, als hätte ich verlangt, er solle den Suez-Kanal neu graben. „Ich bin doch nicht verrückt! Lieber kauf’ ich den verdammten Salat im Supermarkt! Soll gut zu Kaninchenbraten passen!“ Mittlerweile nahm ich diese düsteren Prophezeiungen nicht mehr ernst. Ich kannte Sandra! Umso mehr erschreckte es mich, als ich das großzügige Freigehege der beiden Hasen am Abend leer fand. Üblicherweise stellten sie sich – sie kannten mein Auto bereits – am Zaun auf und warteten, bis ich ihnen entweder abgerupfte Grashalme oder im Winter Salatblätter und Karottenstückchen durch die Maschen steckte. Der Unterhöller hatte doch seine Morddrohung nicht wirklich in die Tat umgesetzt? Da entdeckte ich zu meiner Erleichterung etwas rechts von der Hausecke einen neuen langgestreckten Verschlag auf Stelzen, hinter dessen Hasengitterfront die pummeligen Gestalten von Henry und Henrietta saßen und an etwas knusperten. „Na“, frug ich den Unterhöller belustigt, „haben Sie die zwei Banditen nach Sing-Sing gesteckt?“ „War nicht anders möglich! Kürzlich ist er wieder ausgebüchst, gerade wie der Briefträger an der Haustüre war. Der hat im letzten Augenblick den Hasen gesehen und, damit er ihn nicht zertrittt, einen Zwischenschritt eingelegt. Dabei ist er von der Stufe gerutscht und hat sich den Knöchel verstaucht. Drei Wochen lang war er im Krankenstand und jetzt redet er sich auf den Knöchel aus, wenn er noch später als sonst mit der Post auftaucht. Immer der Ärger mit diesem Henry!“ Ich beobachtete Henry durch das Hasenstallgitter, wie er, ganz die Unschuld vom Lande, genüsslich an einem Salatblatt mümmelte und dabei verträumt vor sich hinschaute. Trotzdem war es unfair, ihm die Schuld zu geben! Denn im Vertrauen gesagt, der gute Herr Kilian, besagter Briefträger, war auch ohne verstauchten Knöchel nie der Schnellste gewesen!

Aus dem Buch:

Cover des Buches 'Tiere sind auch nur Menschen' mit dem Portraitfoto des Autors und einer Kuh

ISBN 978-3-85365-342-5
Hans Christ
TIERE SIND AUCH NUR MENSCHEN
Neue lustige Geschichten aus dem Leben eines Landtierarztes
216 Seiten, 13 x 20,5 cm, Hardcover
€ 22,00

Auch in seinem mittlerweile siebten Band mit heiteren Tiergeschichten präsentiert sich der Salzburger Tierarzt Dr. Hans Christ wieder als würdiger Nachfolger des beliebten Fernsehtierarztes Dr. James Herriot. Für beide gilt: Oft sind es nicht nur die Tiere, die der ärztlichen Behandlung bedürfen, sondern auch deren Besitzer benötigen häufig Rat, Unterstützung und Zuwendung des Doktors. Die Erlebnisse des österreichischen Landtierarztes werden eindeutig dem alten Journalistenmotto gerecht: Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst.