Bestätigte Wanderungen einzelner Wölfe nach Österreich aus den benachbarten Beständen
WOLFSVORKOMMEN IN ÖSTERREICH UND SEINEN NACHBARLÄNDERN
Quellen der Wolfsausbreitung
Wölfe breiten sich in Europa aus und haben Österreich erreicht. Das war absehbar, und doch ist es erstaunlich, wie erfolgreich Wölfe in der mitteleuropäischen Kulturlandschaft Fuß fassen können. Die für die Entwicklung in Österreich bestimmenden Vorkommen sind im mitteleuropäischen Tiefland, in den Westalpen, im Dinarischen Gebirge und in den Karpaten lokalisiert. In Deutschland und Westpolen haben die Wölfe in den letzten 20 Jahren ein exponentielles Wachstum wie aus dem Bilderbuch hingelegt, mit einer ährlichen Wachstumsrate von 36 % bzw. 38 %. Allein in Deutschland wurden im Monitoringjahr 2017/2018 in Summe 75 Rudel und 29 Paare erhoben, keine 20 Jahre nach der Bestätigung des ersten Rudels in Sachsen im Jahr 2000 (ein Monitoringjahr reicht von Mai bis April des Folgejahres). Wölfe aus der italienischen Wolfspopulation auf dem Apennin haben Anfang der 1990er Jahre die Westalpen besiedelt und eine ähnlich dynamische Entwicklung genommen, 65 Rudel und 12 Paare wurden im Monitoringjahr 2015/2016 in den Alpen registriert. In den letzten Jahren sind weitere Rudel azugekommen, vermehrt auch im Ostalpenraum. Sechs Rudel und drei Paare sind 2017 im Trentino und in angrenzenden Provinzen bekannt geworden. Auch in Slowenien haben die Wolfszahlen zugenommen, wenn auch nicht so rasant wie in den zuvor erwähnten Ländern. Knapp 50 Wölfe – die Mitglieder grenzübergreifender Rudel eingeschlossen – betrug der slowenische Bestand im Monitoringjahr 2010/2011, 2016/2017 waren es 73 Wölfe, obwohl pro Jahr bis zu elf Wölfe im Rahmen des Managements erlegt worden sind. Die meisten der 10–14 Rudel besiedeln das Dinarische Gebirge im Süden des Landes, eine Ausbreitung in die slowenischen Alpen ist jedoch zu erwarten. Die Datenlage in den Karpaten ist nicht so übersichtlich. Für die Slowakei gibt es weit auseinanderliegende Angaben zum Wolfbestand. Während die Jagdstatistik durch Summieren der Angaben auf Revierebene auf 2000 bis 2200 Wölfe kommt, liegt die Expertenschätzung der Naturschutzbehörde bei 300–600 Tieren. Letztere Zahl wurde auch im Zuge der Art.-17-Berichtspflicht 2012 entsprechend der FFH-Richtlinie nach Brüssel gemeldet. In der Folge wurde 2013 die jagdliche Quote von ca. 140 Abschüssen pro Jahr auf die Hälfte herabgesetzt. Vielleicht führt das dazu, dass Wölfe aus den Karpaten à la longue als Quelle für Österreich an Bedeutung gewinnen.
Zielland Österreich
Wölfe sind gute Kolonisatoren. Jungtiere müssen mit dem Erreichen der Geschlechtsreife das elterliche Rudel verlassen und können auf ihrer Suche nach Revier und Partner hunderte Kilometer weit abwandern. Österreich liegt damit in Reichweite sich ausbreitender Jungwölfe aller oben genannten Vorkommen. Mit Hilfe der Genetik können wir auch nachvollziehen, dass Abkömmlinge aus all diesen Wolfsbeständen zu uns vorstoßen. In ihren Herkunftsgebieten genetisch bestimmte Individuen wurden einige Zeit später in Österreich erfasst. So kennen wir von vier Wölfen das Herkunftsrudel in Deutschland, von zwei Wölfen den Erstnachweis in der Schweiz bzw. Frankreich und von zwei Wölfen das Herkunftsrudel in Slowenien. Einer der slowenischen Wölfe war überdies besendert, sodass wir seine Wanderroute durch Österreich verfolgen konnten. Dieses zweijährige Männchen ist zum Jahresende 2011 über den Seeberg nach Kärnten eingewechselt. Nach dem Besuch von vier Bundesländern in 38 Tagen hat es Österreich bei Sillian wieder verlassen, nördlich von Verona ein Revier etabliert und mit einem Weibchen aus den Westalpen ein Rudel gegründet, das heute noch besteht. Dieses Beispiel zeigt: Nicht jeder Wolf, der nach Österreich kommt, wird hier auch bleiben.
Dass von relativ wenigen Individuen die genaue Herkunft bekannt ist, liegt daran, dass in den Herkunftsgebieten nicht alle Wölfe genetisch erfasst sind und dass die Ergebnisse der genetischen Individualbestimmung zwischen den Labors nicht vergleichbar sind, denn diese verwenden kein standardisiertes Verfahren. Das heißt, im Verdachtsfall muss eine in Österreich gesammelte Probe des betreffenden Individuums in dem Labor, das die vermutete Herkunftspopulation bearbeitet, analysiert werden. Das ist auch eine Kostenfrage. Aus den Karpaten wurde noch kein Wolf in Österreich individuell nachgewiesen. Der Grund dafür ist darin zu suchen, dass in der Slowakei individuelle genetische Identifizierung von Wölfen bisher nur in kleinen, lokalen Projekten in Angriff genommen wurde. Trotzdem gibt es genetische Indizien, dass auch aus dieser Richtung Wölfe nach Österreich kommen.
Aus dem Buch:
ISBN 978-3-7020-1791-0
Klaus Hackländer (Hg.)
DER WOLF
Im Spannungsfeld von Land- & Forstwirtschaft, Jagd, Tourismus und Artenschutz
216 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen und Grafiken, 16,5 x 22 cm, Hardcover
€ 25,00
Immer mehr Wölfe leben in Deutschland und Österreich. Welche Auswirkungen hat dies auf die Landwirtschaft und die Almtierhaltung, auf Jagd und Wald, Wanderer und Touristen? Ausgewiesene Fachleute beleuchten die Rückkehr des Wolfes aus verschiedenen Gesichtspunkten und behandeln die unterschiedlichen Sichtweisen in Österreich, Deutschland, Italien, Frankreich und der Schweiz. Auch Lösungsansätze, z.B. was Herdenschutz und Wolfsmanagement betrifft, werden ausführlich dargestellt.







© Mona Lorenz